
Das Wort war bei Gott — und das Wort war Gott
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe entstanden, und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, das entstanden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht überwältigt. Es war ein Mensch, von Gott gesandt, sein Name war Johannes. Dieser kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern er sollte von dem Licht zeugen. Das war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn entstanden, und die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben; die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Johannes zeugt von ihm und hat gerufen und gesagt: Dieser war es, von dem ich sagte: Der nach mir kommt, ist vor mir gewesen, denn er war eher als ich. Denn von seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit kam durch Jesus Christus. Niemand hat Gott jemals gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht."
— Johannes 1,1–18 (Schlachter 2000)
Das Johannesevangelium beginnt nicht mit einer Geburtsgeschichte. Es beginnt vor der Zeit.
Während Matthäus mit einem Stammbaum beginnt und Lukas mit einer Ankündigung durch den Engel Gabriel, greift Johannes zurück — weit zurück, über Bethlehem hinaus, über Nazareth hinaus, über Abraham hinaus, über die Schöpfung hinaus — bis in die Ewigkeit selbst. „Im Anfang war das Wort."
Diese drei Worte sind eine der theologisch dichtesten Aussagen der gesamten Heiligen Schrift. Sie sind kein Zufall. Johannes greift bewusst auf den ersten Satz der Bibel zurück — 1. Mose 1,1: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde." Aber während Genesis mit der Schöpfung beginnt, beginnt Johannes mit dem Schöpfer selbst. Bevor irgendetwas geschaffen wurde — bevor Himmel und Erde entstanden — war das Wort.
Der Prolog des Johannesevangeliums ist der theologische Schlüssel zum gesamten Buch. Alles, was Johannes in den folgenden zwanzig Kapiteln erzählen wird — die Zeichen, die Gespräche, das Leiden, die Auferstehung — muss durch diesen Prolog gelesen werden. Johannes will, dass wir verstehen: Der Mann, von dem er berichtet, ist nicht nur ein außergewöhnlicher Mensch, nicht nur ein Prophet, nicht nur ein Wundertäter. Er ist das ewige Wort Gottes, das Fleisch wurde.
In dieser Lektion werden wir den Prolog Vers für Vers ausleuchten, das griechische Schlüsselwort logos in seiner philosophischen und theologischen Tiefe entfalten und verstehen, warum die Inkarnation — das Wort, das Fleisch wurde — das größte Ereignis der Weltgeschichte ist.
Das Johannesevangelium — das vierte Evangelium. Das Johannesevangelium unterscheidet sich grundlegend von den drei synoptischen Evangelien. Johannes wählt sieben Zeichen, sieben Ich-bin-Aussagen und tiefe theologische Gespräche, die in den Synoptikern nicht vorkommen.
Der Apostel Johannes — Sohn des Zebedäus, Bruder des Jakobus, einer der drei engsten Vertrauten Jesu — schrieb dieses Evangelium wahrscheinlich in Ephesus, gegen Ende des ersten Jahrhunderts, um 90–95 n. Chr. Er hatte Jahrzehnte Zeit, über das Leben Jesu zu meditieren, zu theologisieren und zu beten. Das Ergebnis ist das tiefste, theologisch reichste Evangelium des Neuen Testaments.
Die Adressaten und der Zweck. Johannes 20,31 nennt das explizite Ziel: „Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr glaubend das Leben habt in seinem Namen." Johannes schreibt für die griechisch-sprechende Welt des Römischen Reiches — und beginnt mit dem Begriff logos, den jeder gebildete Grieche kannte.
Der literarische Aufbau des Prologs. Der Prolog bewegt sich in konzentrischen Kreisen:
Verse 1–2 — „Im Anfang war das Wort"
Das griechische en archē ēn ho logos — das Wort war bereits im Anfang. Es ist nicht geworden — es war. Das griechische Imperfekt ēn beschreibt anhaltende, zeitlose Existenz. Das Wort hat keinen Anfang — es ist der Anfang selbst.
„Das Wort war bei Gott" — pros ton theon — bezeichnet eine Beziehung von Angesicht zu Angesicht. Das Wort ist in ewiger, persönlicher Gemeinschaft mit Gott. Das ist der Keim der Trinitätslehre.
„Das Wort war Gott" — theos ēn ho logos — das Wort ist seiner Natur nach Gott — vollständig, vollkommen, uneingeschränkt.
Vers 3 — Das Wort als Schöpfer
Alles — panta — ist durch das Wort entstanden. Nicht einiges. Nicht das Meiste. Alles. Kolosser 1,16 bestätigt: „Denn in ihm ist alles erschaffen worden." Jesus Christus ist derselbe, durch den die Galaxien entstanden.
Verse 4–5 — Leben und Licht
Das griechische zoē — Leben — ist immer das göttliche, ewige Leben im Johannesevangelium. Das Licht scheint — Präsens — kontinuierlich, unaufhörlich. Und die Finsternis hat es nicht überwältigt — katelaben — weder besiegt noch vollständig begriffen. Das Kreuz und die Auferstehung sind der Beweis.
Verse 6–8 — Das Zeugnis des Johannes
Johannes der Täufer ist der Übergang von der Theologie zur Geschichte. Er ist nicht das Licht — aber er zeigt auf das Licht. Das ist das Modell für jeden Gläubigen.
Verse 9–13 — Das Wort in der Welt
Er kam in sein Eigentum — ta idia — Israel — und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Aber Vers 12: Wie viele ihn aufnahmen, denen gab er das Recht — exousian — Kinder Gottes zu werden. Das Recht ist gegeben, nicht verdient.
Vers 14 — Die Klimax: Das Wort wurde Fleisch
Ho logos sarx egeneto — das Wort wurde Fleisch. Nicht: Es erschien als Fleisch. Es wurde Fleisch — vollständig, vollkommen. Das griechische eskēnōsen — wohnte — kommt von skēnē — Zelt, Stiftshütte. Der Leib Christi ist die neue Stiftshütte. Die doxa — Herrlichkeit — dieselbe, die die Stiftshütte füllte, wohnte in Jesus.
Verse 16–18 — Gnade um Gnade
Charin anti charitos — Gnade um Gnade — wie eine Welle die andere überholt. Das Gesetz wurde durch Mose gegeben — vollkommen und heilig. Die Gnade und die Wahrheit kam durch Jesus Christus — Erfüllung und weit darüber hinaus. Niemand hat Gott gesehen — aber in Christus hat er sich vollständig kundgemacht.
Leitthese dieser Lektion: Der Prolog des Johannesevangeliums ist die vollständigste Aussage über die Identität Jesu Christi im gesamten Neuen Testament: Er ist das ewige, präexistente Wort Gottes, das Fleisch wurde — vollständig Gott und vollständig Mensch.
Der griechische logos war in der antiken Welt ein zentrales philosophisches Konzept — das universale Vernunftprinzip. Johannes macht eine unerhörte Aussage: Der logos, nach dem die Philosophen jahrhundertelang gesucht haben, ist keine abstrakte Idee. Er ist eine Person: Jesus Christus.
Das Konzil von Chalcedon — 451 n. Chr. — formulierte: Jesus Christus ist vollständig Gott und vollständig Mensch. Vers 1 sichert die vollständige Gottheit. Vers 14 sichert die vollständige Menschheit.
Der Heilige Geist ist implizit in Vers 13 angedeutet: Die Wiedergeburt — nicht aus dem Willen des Fleisches, sondern aus Gott — ist sein Werk. Was hier angedeutet wird, entfaltet Jesus in Johannes 3 vollständig.
Die Person hinter dem Prinzip. In unserer rationalistischen Welt neigen Menschen dazu, Gott als Idee zu betrachten. Der Prolog widerspricht radikal: Gott ist keine Idee. Er ist eine Person. Das verändert alles: Gebet ist Gemeinschaft mit einer Person. Glaube ist Vertrauen in eine Person. Nachfolge ist Beziehung zu einer Person.
Das Licht scheint noch. „Das Licht scheint in der Finsternis" — Präsens. Jetzt. Heute. In unserer Zeit der kulturellen, politischen und moralischen Dunkelheit scheint das Licht weiter. Es kann nicht ausgelöscht werden.
Kinder Gottes werden. Vers 12 ist eine der größten Einladungen der gesamten Bibel. Jeder — ohne Ausnahme — der Christus aufnimmt, empfängt das Recht, Kind Gottes zu werden. Das ist kein Verdienst. Das ist ein Geschenk.
Herr Jesus, du bist das ewige Wort — vor aller Zeit, vor aller Schöpfung, bei Gott und selbst Gott. Und du bist Fleisch geworden — für mich, für uns, für diese Welt. Ich bekenne, dass ich diese Wirklichkeit zu oft zu schnell passiere — dass ich die Inkarnation als theologische Aussage kenne, aber nicht als persönliche Wirklichkeit lebe. Heute öffne ich mein Herz neu: Ich nehme dich auf — als Wort, als Licht, als Leben. Lass deine Herrlichkeit, die Johannes sah, auch in meinem Leben sichtbar werden — nicht meine eigene Herrlichkeit, sondern deine. Von deiner Fülle empfange ich — Gnade um Gnade. In Jesu Namen, Amen.
Der Prolog des Johannesevangeliums ist die Antwort auf die tiefste Frage der Menschheitsgeschichte: Wer ist dieser Jesus? Die Antwort lautet: Er ist das ewige Wort Gottes, das Fleisch wurde. Er ist nicht eine Idee über Gott — er ist Gott selbst, der zu uns gekommen ist. Und wer ihn aufnimmt, empfängt das Recht, Kind Gottes zu werden. Das ist die frohe Botschaft schlechthin.
Wir verwenden Cookies, um dein Erlebnis auf unserer Website zu verbessern. Datenschutzerklärung