
Die Taufe und das neue Leben in Christus
„Was sollen wir nun sagen? Sollen wir in der Sünde verharren, damit die Gnade zunehme? Das sei ferne! Wir, die wir der Sünde gestorben sind, wie sollen wir noch in ihr leben? Oder wisst ihr nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft wurden? So sind wir ja mit ihm durch die Taufe in den Tod begraben worden, damit, wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters aus den Toten auferweckt worden ist, auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind durch die Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch durch die Gleichheit seiner Auferstehung sein, da wir dies wissen, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan werde, sodass wir nicht mehr der Sünde dienen. Denn wer gestorben ist, der ist freigesprochen von der Sünde. Wenn wir aber mit Christus gestorben sind, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, da wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Herrschaft mehr über ihn. Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gegenüber ein für alle Mal gestorben; was er aber lebt, das lebt er für Gott. So rechnet auch ihr euch der Sünde für tot und Gott für lebendig in Christus Jesus! So soll denn die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leib, damit ihr ihren Lüsten gehorcht; und stellt eure Glieder nicht der Sünde als Werkzeuge der Ungerechtigkeit zur Verfügung, sondern stellt euch Gott zur Verfügung als solche, die aus Toten lebendig geworden sind, und eure Glieder Gott als Werkzeuge der Gerechtigkeit! Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, weil ihr nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade seid."
„Jetzt aber, da ihr von der Sünde freigemacht und Gott zu Knechten geworden seid, habt ihr eure Frucht zur Heiligung, und das Ende ist das ewige Leben. Denn der Lohn der Sünde ist der Tod; aber die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn."
Eine Frage lauert seit Römer 5,20 in der Luft.
Paulus hatte geschrieben: „Wo die Sünde zunahm, da war die Gnade erst recht überreich." Und sofort wirft er selbst den Einwand auf, den jeder denkende Leser im Kopf hat: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir in der Sünde verharren, damit die Gnade zunehme?"
Es ist die gefährlichste Frage, die man an das Evangelium der Gnade stellen kann — und Paulus beantwortet sie nicht mit Zögern, sondern mit einem der stärksten Ausrufe des gesamten Briefes: „Das sei ferne!" — griechisch mē genoito — möge es niemals so sein, undenkbar, ausgeschlossen!
Der Grund, den Paulus nennt, ist nicht ein moralischer Appell. Er ist ein theologisches Argument: Wer in der Gnade lebt, ist der Sünde gestorben. Wer der Sünde gestorben ist, kann nicht weiter in ihr leben — so wie ein Toter nicht mehr atmet. Das ist keine Forderung, sondern eine Tatsache über das, was in der Taufe geschehen ist.
Römer 6 ist das große Kapitel über die Heiligung — das neue Leben des Gerechtfertigten. Es entfaltet, was die Taufe bedeutet: nicht nur ein religiöses Ritual, sondern ein Tod und eine Auferstehung. Mit Christus begraben — mit Christus auferstanden. Der alte Mensch ist gekreuzigt — der neue Mensch lebt für Gott.
In dieser Lektion werden wir die Tauftheologie des Paulus entfalten, das Bild des Herrschaftswechsels verstehen und lernen, was es konkret bedeutet, sich der Sünde für tot und Gott für lebendig zu rechnen.
Die Struktur von Römer 6. Das Kapitel gliedert sich in zwei Hälften mit paralleler Struktur. Verse 1–14: Der Herrschaftswechsel durch Tod und Auferstehung mit Christus — Indikativ. Verses 15–23: Der Herrschaftswechsel von der Sünde zu Gott als neuem Herrn — Imperativ und Konsequenz.
Die Taufe im ersten Jahrhundert. Die frühchristliche Taufe war Ganzkörpertaufe — Untertauchen und Auftauchen. Die symbolische Wucht war unmittelbar erfahrbar: Hinunter ins Wasser — Tod und Begräbnis. Herauf aus dem Wasser — Auferstehung und neues Leben. Paulus knüpft an diese erfahrbare Symbolik an und entfaltet ihre theologische Tiefe: Was in der Taufe symbolisch geschieht, ist Zeichen einer geistlichen Wirklichkeit — der Vereinigung mit Christus in seinem Tod und seiner Auferstehung.
Das griechische symphytoi — zusammengewachsen. Römer 6,5 verwendet das Wort symphytoi — zusammengewachsen, verwachsen, untrennbar verbunden — wie zwei Pfropfreiser, die zusammenwachsen und eins werden. Das beschreibt die Tiefe der Verbindung zwischen dem Gläubigen und Christus: nicht eine äußerliche Zugehörigkeit, sondern eine organische Einheit.
Indikativ und Imperativ. Die theologische Spannung von Römer 6 ist eine der wichtigsten der gesamten paulinischen Ethik: Der Indikativ beschreibt, was ist — „ihr seid der Sünde gestorben", „ihr seid freigemacht". Der Imperativ fordert, gemäß dieser Wirklichkeit zu leben — „so rechnet euch der Sünde für tot", „stellt eure Glieder Gott zur Verfügung." Das Sein geht dem Sollen voraus. Die Ethik folgt der Theologie — nicht umgekehrt.
Verse 1–2 — Die unmögliche Konsequenz. „Sollen wir in der Sünde verharren, damit die Gnade zunehme? Das sei ferne! Wir, die wir der Sünde gestorben sind, wie sollen wir noch in ihr leben?"
Das Argument ist ontologisch: Es geht nicht um moralische Motivation, sondern um eine Seinsveränderung. Der Gläubige ist der Sünde gestorben — das Perfekt zeigt: Es ist geschehen und gilt weiter. Er befindet sich in einem neuen Zustand. In der Sünde weiterzuleben wäre so absurd wie einem Toten zu sagen: Atme weiter. Der Tod hat die Beziehung zur Sünde als Herrschaft beendet.
Verse 3–5 — Die Tauftheologie. „Wisst ihr nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft wurden?"
Die Taufe ist nicht nur Bekenntnis oder Aufnahmeritual — sie ist Vereinigung mit Christus in seinem Tod und seiner Auferstehung. Das griechische eis ton thanaton autou — in seinen Tod hinein — beschreibt eine Bewegung des Eintauchens in die Wirklichkeit seines Sterbens.
„Damit... auch wir in einem neuen Leben wandeln." Das neue Leben ist das Ziel der Taufe — nicht nur Sündenvergebung, sondern Verwandlung der Lebensrichtung. Das griechische kainotēs zōēs — Neuheit des Lebens — bezeichnet eine qualitativ andere Art zu existieren.
Vers 6 — Der alte Mensch. „Unser alter Mensch ist mit ihm gekreuzigt worden, damit der Leib der Sünde abgetan werde."
Der alte Mensch — palaios anthrōpos — bezeichnet nicht die alte Persönlichkeit oder alte Gewohnheiten, sondern den Menschen in Adam — das Ich, das unter der Herrschaft der Sünde stand. Dieser alte Mensch ist gekreuzigt — vergangen, beendet, tot. Der Leib der Sünde — sōma tēs hamartias — bezeichnet die Sünde als Machtstruktur, die den Menschen regiert. Diese Macht ist durch den Tod Christi gebrochen.
Verse 8–10 — Christi Tod als Paradigma. „Was er gestorben ist, das ist er der Sünde gegenüber ein für alle Mal gestorben; was er aber lebt, das lebt er für Gott."
Das griechische ephapax — ein für alle Mal — ist ein theologisch hochbedeutsames Wort. Christi Tod war endgültig und nicht wiederholbar. Er muss nicht noch einmal sterben — der Sieg über die Sünde ist vollständig und dauerhaft. „Der Tod hat keine Herrschaft mehr über ihn." Diese Wirklichkeit Christi gilt auch für den Gläubigen — der in Christus ist, teilt seinen Sieg.
Vers 11 — Der Glaubensakt des Rechnens. „So rechnet auch ihr euch der Sünde für tot und Gott für lebendig in Christus Jesus!"
Das griechische logizesthe — rechnet, zählt, haltet dafür — ist dasselbe Wort wie in Römer 4,3 für die Anrechnung der Gerechtigkeit. Es bezeichnet einen bewussten Akt des Glaubens: sich selbst so zu sehen, wie Gott einen sieht. Nicht Leugnung der Sünde — sondern Glaube an die Wirklichkeit, die in Christus gilt. Das Rechnen ist der Punkt, wo Theologie zur Praxis wird.
Verse 12–14 — Der Imperativ des Herrschaftswechsels. „So soll denn die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leib."
Nach dem Indikativ — ihr seid gestorben — kommt der Imperativ: Lebt danach. „Stellt eure Glieder nicht der Sünde als Werkzeuge zur Verfügung, sondern stellt euch Gott zur Verfügung." Das griechische paristanete — stellt zur Verfügung, überlasst — ist ein militärischer Begriff: Soldaten stellen sich einem Feldherrn zur Verfügung. Die praktische Heiligung besteht darin, die Glieder des Leibes täglich dem neuen Herrn zu übergeben.
Verse 22–23 — Das Fazit. „Der Lohn der Sünde ist der Tod; aber die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn."
Das ist einer der bekanntesten Verse der Bibel — und eine der präzisesten theologischen Zusammenfassungen. Zwei Herren, zwei Löhne, zwei Enden: Sünde als Herr zahlt ihren Lohn — Tod. Gott als Herr gibt nicht Lohn — er schenkt Gnade. Das griechische charisma — Gnadengabe — unterstreicht: Ewiges Leben ist kein verdienter Lohn, sondern unverdientes Geschenk.
Leitthese dieser Lektion:
Der Gläubige ist durch die Vereinigung mit Christus in Tod und Auferstehung aus der Herrschaft der Sünde befreit worden — ein für alle Mal. Das ist nicht eine moralische Forderung, sondern eine theologische Tatsache, die im Glauben ergriffen und im Alltag umgesetzt werden muss: Rechne dich der Sünde für tot und Gott für lebendig.
Drei theologische Dimensionen von Römer 6:
Heiligung als Konsequenz der Rechtfertigung. Römer 6 macht deutlich: Wer wirklich gerechtfertigt ist, wird auch geheiligt. Nicht weil die Heiligung die Rechtfertigung verdient — sondern weil beides aus derselben Verbindung mit Christus fließt. Wer in Christus ist, ist nicht nur freigesprochen — er ist auch befreit. Rechtfertigung und Heiligung sind untrennbar — auch wenn sie unterschieden werden müssen.
Die Taufe als Wirklichkeit, nicht nur Symbol. Die Taufe ist in Römer 6 nicht nur ein Zeichen — sie ist der Moment, in dem die Vereinigung mit Christus in Tod und Auferstehung sakramental dargestellt und versiegelt wird. Wer getauft ist, hat eine objektive theologische Wirklichkeit — unabhängig von seiner aktuellen Erfahrung: Ich bin mit Christus gestorben. Ich bin mit Christus auferstanden.
Herrschaft als Kategorie. Paulus denkt in Römer 6 in Herrschaftskategorien: Die Sünde herrscht — oder sie herrscht nicht. Der Tod herrscht — oder er herrscht nicht. Gott herrscht. Das ist nicht Individualethik — das ist Theologie der Mächte. Der Gläubige hat den Herrn gewechselt: Er ist nicht mehr Sklave der Sünde — er ist Knecht Gottes. Und dieser Herrenwechsel ist das Fundament aller Heiligung.
Der Heilige Geist ist in Römer 6 noch nicht explizit genannt — das kommt in Römer 8. Aber die Kraft, sich der Sünde für tot und Gott für lebendig zu rechnen und die Glieder Gott zur Verfügung zu stellen, ist implizit die Kraft des Geistes. Galater 5,16: „Wandelt im Geist, so werdet ihr die Begierde des Fleisches nicht erfüllen."
Die Taufe als Identitätsdokument. In einer Zeit der Identitätskrise — wer bin ich wirklich? — ist die Taufe das theologische Identitätsdokument des Gläubigen. Sie sagt: Du bist mit Christus gestorben. Du bist mit Christus auferstanden. Diese Identität ist fester als Herkunft, Leistung, Versagen oder Gefühl. Wenn die Sünde ruft: Das ist deine wahre Natur — antwortet die Taufe: Meine wahre Natur ist in Christus.
Das Rechnen als tägliche Praxis. „Rechnet euch der Sünde für tot." Das ist kein einmaliger Akt — es ist eine täglich erneuerte Glaubensentscheidung. Wenn die Versuchung kommt — nicht: Ich muss mich zusammenreißen. Sondern: Ich rechne mich dieser Sache für tot. Ich bin nicht mehr ihr Sklave. Ich gehöre einem anderen Herrn.
Stell deine Glieder zur Verfügung. Heiligung ist konkret und körperlich. Paulus redet von Gliedern — Händen, Augen, Mund, Füßen. Was tue ich mit meinen Augen? Wohin gehen meine Füße? Was sagt mein Mund? Die Heiligung geschieht nicht in abstrakten Entschlüssen — sie geschieht in konkreten Entscheidungen des Leibes.
Herr Jesus, ich bekenne: Ich bin mit dir gestorben und auferstanden. Das ist nicht mein Gefühl — das ist deine Wahrheit über mich. Der alte Mensch ist gekreuzigt. Die Sünde hat keine Herrschaft mehr über mich — nicht weil ich stark bin, sondern weil du gestorben bist. Heute übe ich das Rechnen: Ich rechne mich dieser Sünde für tot. Ich rechne mich dir für lebendig. Und ich stelle dir zur Verfügung, was ich bin: meinen Leib, meine Glieder, mein Leben — als Werkzeug deiner Gerechtigkeit, nicht mehr der Sünde. Nicht weil ich es verdiene — sondern weil du mein Herr bist. Wo die Sünde mich ruft, erinnere mich: Ich gehöre dir. In Jesu Namen, Amen.
Römer 6 ist die Befreiungsurkunde des Gläubigen. Nicht: Du musst dich von der Sünde befreien. Sondern: Du bist befreit — lebe danach. Der Herrschaftswechsel ist vollzogen. Der alte Herr hat keine Rechte mehr. Der neue Herr hat dich nicht durch Leistung erworben, sondern durch sein Blut. Rechne dich ihm für lebendig — jeden Tag, gegen jeden Einwand, gegen jedes Gefühl. Das ist Heiligung: nicht Selbstoptimierung, sondern Glauben an das, was in Christus wahr ist.
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