
„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind." — Römer 8,28 (Schlachter 2000)
Römer 8,28
Gott hat dich nicht vergessen — auch nicht in deinem schwersten Kapitel. Das ist keine fromme Vertröstung — das ist die kühnste theologische Aussage des Neuen Testaments. Paulus sagt nicht: Einige Dinge wirken zum Guten. Er sagt: Alle Dinge. Nicht nur die guten, nicht nur die verständlichen, nicht nur die, die wir im Nachhinein als Segen erkennen. Alle Dinge. Das schließt den Schmerz ein, den du gerade trägst. Das schließt die Ungerechtigkeit ein, die du erlebt hast. Das schließt den Verlust ein, der das Leben in Vorher und Nachher geteilt hat. Alle Dinge — in den Händen des Gottes, der liebt und führt — wirken zum Guten.
Das ist kein Satz für ruhige Zeiten. Er wurde von einem Mann geschrieben, der Gefängnis, Schiffbruch, Steinigung und Verfolgung kannte. Paulus schreibt Römer 8,28 nicht aus einem bequemen Lehnstuhl — er schreibt ihn aus einer Erfahrung des Leidens, die die meisten von uns nie kennen werden. Und er sagt: Ich weiß. Nicht: Ich hoffe. Nicht: Ich vermute. Ich weiß. Das ist Glaube, der durch Feuer gegangen ist — und auf der anderen Seite noch sicherer steht.
Corrie ten Boom und ihre Schwester Betsie saßen in Baracke 28 des Konzentrationslagers Ravensbrück. Die Baracke war überfüllt, schmutzig, voller Flöhe. Als Betsie vorschlug, auch für die Flöhe zu danken — gemäß 1. Thessalonicher 5,18 — war Corrie entsetzt. Für die Flöhe? Das war zu viel verlangt.
Aber Betsie bestand darauf. Und sie dankten — auch für die Flöhe. Wochen später erfuhren die beiden, warum die Wachleute ihre Baracke gemieden hatten: wegen der Flöhe. Und genau deshalb hatten sie ungestört Bibel lesen, beten, singen und anderen Frauen von Jesus erzählen können. Hunderte von Frauen in Ravensbrück hörten das Evangelium — weil niemand die Baracke betreten wollte.
Die Flöhe — das scheinbar Sinnlose, das Unangenehme, das Unzumutbare — waren Gottes Schutz gewesen. Römer 8,28 in gelebter Form. Nicht: Gott hat die Flöhe weggenommen. Sondern: Gott hat die Flöhe benutzt. Er hat das Böse in sein Gutes eingebettet. Er hat das Unangenehme zum Werkzeug seiner Gnade gemacht.
Corrie ten Boom schrieb später: „Es gibt keinen Graben so tief, dass Gottes Liebe nicht tiefer ist." Das ist Römer 8,28 — nicht als Theorie, sondern als Zeugnis. Aus der Tiefe des Leidens heraus gesprochen, von einer Frau, die es erlebt hatte.
Römer 8 ist das Herzstück des gesamten Briefes — ein Kapitel über das Leben im Geist, über Kindschaft, über das Seufzen der Schöpfung, über die Fürbitte des Geistes. Und mitten in dieses Kapitel, das von Leiden und Hoffnung handelt, stellt Paulus diesen Satz: Wir wissen. Es ist ein Satz des Vertrauens — nicht der Naivität.
Das griechische Wort für „mitwirken" ist synergei — von synergeo: zusammenarbeiten, gemeinsam wirken. Es ist das Wort, aus dem unser deutsches „Synergie" stammt. Gott arbeitet mit allen Dingen zusammen — er koordiniert sie, er dirigiert sie, er lenkt sie auf ein Ziel hin. Nicht jedes einzelne Ding ist gut — aber Gott bringt sie alle in eine Richtung, die gut ist.
Das zweite Schlüsselwort ist panta — „alle Dinge." Nicht tina — einige Dinge. Alle. Das ist entweder die kühnste Lüge der Bibel — oder die tiefste Wahrheit. Paulus sagt: Es gibt keine Ausnahme. Keinen Schmerz, der zu tief ist. Keine Ungerechtigkeit, die zu groß ist. Keine Dunkelheit, die außerhalb von Gottes Souveränität liegt. Alle Dinge — in den Händen des liebenden Gottes — wirken zum Guten.
Wie zeigt sich Jesus Christus in diesem Vers? Er ist der Beweis. Das Kreuz war das schlimmste Unrecht der Geschichte — der Tod des Unschuldigen, die Hinrichtung des Heiligen. Und Gott benutzte es als das Fundament der Erlösung der Welt. Apostelgeschichte 2,23 (SLT) sagt: „Ihn, der durch den bestimmten Ratschluss und Vorsehung Gottes ausgeliefert wurde." Das Schlimmste — durch Gottes Hand zum Besten. Die Auferstehung ist der Beweis: Alle Dinge — auch der Tod — wirken zum Guten in den Händen dieses Gottes.
1. Benenne das Leiden — und weigere dich, es als Gottes Vergessen zu interpretieren. Leiden ist real. Schmerz ist real. Ungerechtigkeit ist real. Römer 8,28 leugnet das nicht — es ordnet es ein. Benenne heute konkret, was schwer ist — und sage dann laut: „Das bedeutet nicht, dass Gott mich vergessen hat. Er wirkt auch darin." Das ist keine Verleugnung des Schmerzes — es ist die Weigerung, dem Schmerz das letzte Wort zu geben.
2. Erinnere dich an die Flöhe — und suche nach dem verborgenen Guten im Unangenehmen. Manchmal ist Gottes Hand verborgen — und sichtbar erst im Rückblick. Gibt es in deinem Leben gerade etwas Unangenehmes, Ungewolltes, Schwieriges — das Gott vielleicht als Schutz oder Werkzeug benutzt, ohne dass du es siehst? Wage heute die Frage: „Herr, was machst du mit diesem — das ich noch nicht sehe?"
3. Halte am Wissen fest — auch wenn das Fühlen fehlt. Paulus sagt: Wir wissen. Nicht: Wir fühlen. Glaube ist kein Gefühl — er ist eine Überzeugung, die auf Gottes Charakter gegründet ist. Es wird Tage geben, an denen Römer 8,28 sich nicht wahr anfühlt. Halte trotzdem daran fest — wie Corrie ten Boom, die auch für die Flöhe dankte, ohne es zu verstehen. Das Wissen trägt, wenn das Gefühl versagt.
GEBET
Herr, ich bekenne, dass es Dinge in meinem Leben gibt, die sich nicht gut anfühlen — Kapitel, die ich nicht verstehe, Schmerzen, die ich mir nicht ausgesucht habe. Heute halte ich an dem fest, was ich weiß — nicht was ich fühle: Du liebst mich. Du hast mich nicht vergessen. Du wirkst in allen Dingen — auch in denen, die ich nicht verstehe. Du bist der Gott, der das Kreuz zum Fundament der Erlösung gemacht hat. Was du mit meinem Leiden machst, liegt in deinen Händen — und ich vertraue diesen Händen. In Jesu Namen, Amen.
„Welches schwere Kapitel in deinem Leben könnte — wenn du es mit den Augen von Römer 8,28 betrachtest — der Ort sein, an dem Gott gerade etwas wirkt, das du noch nicht siehst, aber ihm vertrauen kannst?"
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