
Diakon Artemio
28. Mai 2026
„Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und was ihr trinken werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung?" — Matthäus 6,25 (Schlachter 2000)
Matthäus 6,25
Jesus verbietet die Sorge nicht, weil das Leben keine Herausforderungen hätte. Er verbietet sie, weil Sorge eine Lüge glaubt — die Lüge, dass du allein für alles verantwortlich bist. Matthäus 6,25 ist kein naiver Aufruf zur Leichtfertigkeit. Es ist eine Einladung zur tiefsten Form der Freiheit, die ein Mensch erleben kann: die Freiheit, loszulassen — und zu wissen, dass man dabei nicht fällt. Nicht weil die Umstände kontrollierbar wären. Sondern weil der Vater, dem man loslässt, zuverlässig ist.
Sorge ist eine der häufigsten menschlichen Erfahrungen — und eine der zerstörerischsten. Sie raubt den Schlaf, vergiftet die Gegenwart, lähmt die Entscheidungsfähigkeit. Sie ist der Versuch, durch Denken zu kontrollieren, was durch Denken nicht kontrolliert werden kann. Jesus beobachtet das — und sagt: Es muss nicht so sein. Schau auf die Vögel. Schau auf die Lilien. Schau auf den Vater, der sie versorgt. Und dann frage: Bist du ihm nicht viel mehr wert?
Elisabeth Elliot war 29 Jahre alt, als ihr Mann Jim im Januar 1956 von einem Stamm in Ecuador getötet wurde — zusammen mit vier anderen Missionaren. Sie war allein mit einer kleinen Tochter. Der Mann, den sie liebte, war tot. Der Traum, gemeinsam den Auca-Stamm zu erreichen, schien zerstört.
Was Elisabeth Elliot tat, war unfassbar: Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes ging sie mit ihrer Tochter in den Dschungel — zu demselben Stamm, der Jim getötet hatte. Nicht aus Naivität. Nicht aus Leichtsinn. Aus einer Überzeugung, die tiefer war als der Schmerz: Gott trägt, was ich loslasse.
Sie lebte jahrelang bei den Auca. Sie lernte ihre Sprache. Sie übersetzte die Bibel für sie. Und viele der Männer, die Jim Elliot getötet hatten, wurden Christen — unter ihnen der Mann, der ihn mit dem Speer getötet hatte.
Elisabeth Elliot schrieb später: „Loslassen bedeutet nicht, dass mir nichts mehr wichtig ist. Es bedeutet, dass ich erkannt habe, dass ich nicht halten kann, was Gott trägt — und er nicht loslässt, was ich ihm übergebe." Das ist Matthäus 6,25 in gelebter Form. Nicht die Abwesenheit von Schmerz. Sondern die Entscheidung, den Schmerz loszulassen — an den Vater, der zuverlässig trägt.
Matthäus 6,25-34 ist ein Abschnitt der Bergpredigt — der umfassendsten Lehrrede Jesu über das Leben im Reich Gottes. Jesus hat gerade über Geld und Mammon gesprochen — über die Unmöglichkeit, zwei Herren zu dienen. Und nun entfaltet er die praktische Konsequenz: Wer Gott als Herrn hat, muss nicht mehr die Kontrolle über alles andere behalten.
Das griechische Wort für „sorgt euch nicht" ist mē merimnaō — von merizō: teilen, spalten, zerreißen. Sorge ist wörtlich ein gespaltener Geist — ein Herz, das in viele Richtungen gezogen wird, das nicht zur Ruhe kommt, das sich selbst zerreißt. Jesus sagt: Hört auf, euch zu spalten. Seid ganz — ganz bei Gott, ganz im Vertrauen, ganz in der Gegenwart.
Das zweite Schlüsselwort ist das Bild der Vögel — ta peteina tou ouranou: die Vögel des Himmels. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen — und der himmlische Vater ernährt sie. Jesus benutzt nicht das Bild von Menschen ohne Arbeit — Vögel arbeiten, sie suchen Nahrung, sie bauen Nester. Aber sie sorgen sich nicht. Sie leben im Vertrauen auf die Struktur, die Gott in die Schöpfung eingebaut hat. Das ist die Einladung: Arbeite. Handle. Plane. Aber sorge dich nicht — denn der Vater weiß, was du brauchst.
Wie zeigt sich Jesus Christus in diesem Vers? Er ist der einzige Mensch, der je vollständig ohne Sorge lebte — nicht weil er keine Herausforderungen hatte, sondern weil er vollständig im Vertrauen auf den Vater lebte. In Gethsemane, am Vorabend seiner Kreuzigung, betete er: „Nicht mein Wille, sondern deiner geschehe." Das ist das vollendete Loslassen — in der dunkelsten Stunde, mit dem schwersten Kelch. Und der Vater trug ihn. Durch das Kreuz. Durch den Tod. Bis zur Auferstehung. Jesus hat bewiesen: Wer loslässt und dem Vater vertraut, fällt nicht — er wird getragen.
1. Benenne konkret, worüber du dir am meisten Sorgen machst — und übergib es heute in einem bewussten Akt dem Vater. Nicht allgemein — konkret. „Herr, ich mache mir Sorgen um dieses. Ich lege es jetzt in deine Hände." Sorge lebt im Vagen — sie wächst, wenn sie unbenannt bleibt. Benenne sie, und dann lege sie hin. Das ist kein einmaliger Akt — du wirst sie vielleicht morgen wieder aufheben müssen. Aber fange heute an.
2. Erinnere dich an die Vögel — und lass sie dich heute unterrichten. Das ist keine romantische Naturbetrachtung — es ist ein konkreter geistlicher Übung, die Jesus vorschlägt. Schaue heute bewusst auf etwas in der Natur — einen Vogel, eine Blume, einen Baum. Und erinnere dich: Der Gott, der das trägt, trägt auch dich. Du bist ihm mehr wert als alle Vögel des Himmels. Lass diese einfache Wahrheit heute in dein Herz sinken.
3. Lebe heute im gegenwärtigen Moment — statt im zukünftigen Problem. Matthäus 6,34 (SLT) sagt: „Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen." Sorge lebt fast immer in der Zukunft — in Szenarien, die noch nicht eingetreten sind, in Problemen, die vielleicht nie kommen. Handle heute aus dem, was heute ist — und vertraue dem Vater mit dem, was morgen kommt. Das ist kein Fatalismus. Es ist Vertrauen.
GEBET
Vater, ich bekenne, dass ich mich sorge — um die Zukunft, um das Morgen, um Dinge, die ich nicht kontrollieren kann. Ich bekenne, dass meine Sorge oft lauter ist als mein Vertrauen. Heute entscheide ich mich, loszulassen — nicht weil die Umstände sich geändert haben, sondern weil du dich nicht geändert hast. Du bist derselbe Gott, der die Vögel des Himmels ernährt und die Lilien des Feldes kleidet. Du bist der Gott, der Jesus durch den Tod hindurch getragen hat. Du wirst auch mich tragen. Ich lege meine Sorgen in deine Hände — heute, jetzt, bewusst. In Jesu Namen, Amen.
„Welche Sorge trägst du gerade mit dir, die du noch nicht wirklich losgelassen hast — und was würde es konkret bedeuten, sie heute bewusst in die Hände des Vaters zu legen, der dich mehr wert hält als alle Vögel des Himmels?"
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