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„JHWH Ro‘i — der HERR ist mein Hirte“

Diakon Artemio

24. Oktober 2026

Frohe Botschaft Andachtskarte „Jahwe Rohi" mit Schafherde  an einem Bach im Morgenlicht
„Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grünen Auen und führt mich zu stillen Wassern. Er erquickt meine Seele; er leitet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“ — Psalm 23,1-3 (Schlachter 2000)

Kaum ein Psalm ist so bekannt wie Psalm 23.

Vielleicht liegt gerade darin eine Gefahr.

Wir kennen die Worte so gut, dass wir manchmal vergessen, wie gewaltig sie eigentlich sind.

David beginnt nicht mit einer Bitte.

Nicht mit einem Problem.

Nicht mit sich selbst.

Er beginnt mit einem Bekenntnis:

„Der HERR ist mein Hirte.“

Im Hebräischen steht:

JHWH ro‘i — „der HERR ist mein Hirte“.

David wusste, was ein Hirte war.

Bevor er König wurde, hütete er die Schafe seines Vaters.

Er kannte einsame Nächte auf dem Feld.

Er kannte Gefahren.

Er erzählte Saul später davon, dass er seine Herde gegen Löwen und Bären verteidigt hatte.

Wenn David Gott „meinen Hirten“ nennt, benutzt er deshalb kein romantisches Bild.

Er spricht von Führung.

Versorgung.

Schutz.

Abhängigkeit.

Und Gegenwart.

„Der HERR ist mein Hirte“

Vielleicht ist das kleinste Wort des ersten Verses zugleich eines der wichtigsten:

„mein“.

David sagt nicht nur:

„Gott ist ein Hirte.“

Er sagt:

„Der HERR ist mein Hirte.“

Der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, ist nicht nur Herr über die große Geschichte.

Er führt Menschen persönlich.

Er kennt den Weg.

Er kennt die Gefahr.

Er kennt die Erschöpfung.

Er kennt das Tempo, das ein Mensch gerade gehen kann.

Und Jesus greift dieses Bild später auf, wenn er von seinen Schafen sagt:

Er kennt sie und ruft sie mit Namen.

Christlicher Glaube bedeutet deshalb nicht nur:

„Ich glaube, dass Gott existiert.“

Er bedeutet auch:

„Ich vertraue mich diesem Hirten an.“

Du brauchst einen Hirten

Das Bild vom Schaf schmeichelt menschlicher Selbstständigkeit nicht.

Schafe sind auf einen Hirten angewiesen.

Sie brauchen Weide.

Wasser.

Führung.

Schutz.

Und manchmal müssen sie zurückgeführt werden.

Damit stellt Psalm 23 eine Wahrheit vor uns, die unserer Kultur schwerfällt:

Du bist nicht dafür geschaffen, dein eigener letzter Hirte zu sein.

Du kannst nicht alles überblicken.

Du kennst nicht jede Gefahr.

Du weißt nicht, was morgen kommt.

Du kannst dich nicht aus jeder Not selbst herausführen.

Aber Psalm 23 bleibt nicht bei unserer Bedürftigkeit stehen.

Er sagt nicht nur:

„Du brauchst einen Hirten.“

Er sagt:

„Du darfst einen haben.“

„Mir wird nichts mangeln“

Dieser Satz gehört zu den schönsten — und gleichzeitig am häufigsten missverstandenen — Aussagen des Psalms.

„Mir wird nichts mangeln“ bedeutet nicht:

Ich werde alles besitzen, was ich mir wünsche.

Ich werde nie finanzielle Schwierigkeiten erleben.

Ich werde niemals krank.

Ich werde niemals Verlust erfahren.

Davids eigenes Leben würde einer solchen Auslegung widersprechen.

Er kannte Flucht.

Gefahr.

Trauer.

Konflikte.

Und persönliche Schuld.

Sein Vertrauen besteht nicht darin, dass das Leben immer angenehm sein wird.

Es besteht darin, dass der Hirte ihn nicht verlässt.

Der Schwerpunkt liegt nicht auf einem Leben ohne jeden Mangel, sondern auf einem Hirten, der weiß, was sein Schaf braucht.

Grüne Auen und stille Wasser

David beschreibt den Hirten als einen, der sein Schaf zur Ruhe führt.

„Er weidet mich auf grünen Auen und führt mich zu stillen Wassern.“

Das Bild ist voller Versorgung.

Nahrung.

Wasser.

Ruhe.

Sicherheit.

Der Hirte treibt das Schaf nicht rastlos weiter.

Er führt es auch an Orte, an denen es ruhen kann.

Das ist für viele Menschen wichtig.

Wir leben in einer Welt, in der ständige Aktivität leicht mit Bedeutung verwechselt wird.

Doch der Hirte führt nicht nur zur nächsten Aufgabe.

Er führt auch zur Ruhe.

„Er erquickt meine Seele“

Die Formulierung „er erquickt meine Seele“ kann auch den Gedanken des Wiederherstellens und Zurückbringens tragen.

Der Hirte kümmert sich um das erschöpfte und gefährdete Leben seines Schafes.

Manchmal brauchen wir genau das.

Nicht eine neue Aufgabe.

Nicht noch mehr Druck.

Sondern Wiederherstellung.

Vielleicht bist du körperlich erschöpft.

Vielleicht innerlich leer.

Vielleicht hast du dich geistlich entfernt.

Vielleicht bist du auf einem Weg gelandet, den du selbst nicht mehr gut findest.

Dann sagt Psalm 23:

Der Hirte kann wiederherstellen und zurückführen.

Der Hirte führt — aber nicht immer auf den Weg, den wir gewählt hätten

David sagt:

„Er leitet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“

Der Hirte kennt den richtigen Weg.

Das Schaf nicht immer.

Und genau hier wird Vertrauen konkret.

Wir wünschen uns oft Gottes Führung, solange sie mit unseren eigenen Plänen übereinstimmt.

Doch ein Hirte führt.

Er folgt nicht einfach dem Schaf.

Manchmal bedeutet Gottes Führung ein Ja.

Manchmal ein Nein.

Manchmal Warten.

Manchmal Umkehr.

Manchmal eine Tür, die sich öffnet.

Und manchmal eine Tür, durch die wir gern gegangen wären, die geschlossen bleibt.

Dem Hirten zu vertrauen bedeutet nicht nur, seine Versorgung zu wollen.

Es bedeutet auch, seine Führung anzunehmen.

Die Missionarin, die auch im Stillstand geführt wurde

Amy Carmichael kam 1895 als Missionarin nach Indien.

Sie hatte ein starkes Verlangen, Menschen mit dem Evangelium zu erreichen.

Mit der Zeit begegnete sie jedoch einer Not, die ihren Dienst grundlegend verändern sollte.

Sie erfuhr von Mädchen und Kindern, die in religiösen und gesellschaftlichen Strukturen Missbrauch und Ausbeutung ausgesetzt waren.

1901 kam ein Mädchen namens Preena in ihre Obhut.

Aus solchen Anfängen entwickelte sich in Dohnavur eine Gemeinschaft, die vielen Kindern Schutz, Heimat, Bildung und Begleitung gab.

Amy Carmichaels Weg war jedoch nicht nur von Aktivität geprägt.

1931 erlitt sie einen schweren Sturz, von dessen Folgen sie sich nie vollständig erholte.

Für den Rest ihres Lebens war sie überwiegend in ihrem Zimmer eingeschränkt.

Eine Frau, die jahrelang gereist war, organisierte und unmittelbar für Menschen gearbeitet hatte, musste plötzlich lernen, auf andere Weise zu dienen.

Sie schrieb.

Sie betete.

Sie begleitete Menschen.

Und sie blieb mit dem Werk in Dohnavur verbunden.

Auch das ist Führung.

Manchmal führt der Hirte uns nicht in mehr Aktivität, sondern in eine Lebensphase, die wir selbst niemals gewählt hätten.

Seine Führung endet nicht, wenn unsere bisherigen Möglichkeiten enden.

Grüne Auen sind nicht der ganze Psalm

Psalm 23 wäre viel einfacher, wenn er nach Vers 3 enden würde.

Grüne Auen.

Stilles Wasser.

Wiederherstellung.

Doch dann kommt Vers 4.

Das finstere Tal.

Das ist entscheidend.

Der gute Hirte verhindert nicht jedes Tal.

David sagt nicht:

„Weil der HERR mein Hirte ist, werde ich niemals durch Dunkelheit gehen.“

Er sagt:

„Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“

Der Trost besteht nicht darin, dass das Tal nicht existiert.

Der Trost besteht darin:

Der Hirte geht mit hinein.

Mitten im Tal verändert sich Davids Gebet

Eine der schönsten Beobachtungen des Psalms findet sich genau an dieser Stelle.

In den ersten Versen spricht David über Gott:

„Er weidet mich.“

„Er führt mich.“

„Er erquickt mich.“

Doch im Tal verändert sich die Sprache.

Plötzlich sagt David:

„Du bist bei mir.“

Aus „er“ wird „du“.

Mitten in der Dunkelheit wird die Sprache persönlicher.

Vielleicht ist das eine der tiefsten Erfahrungen des Glaubens.

Manche Wahrheiten kennen wir zunächst nur als Aussagen über Gott.

Doch in schweren Zeiten können sie zu einem Gebet werden.

Nicht mehr:

„Gott ist treu.“

Sondern:

„Du bist treu.“

Nicht mehr:

„Gott ist gegenwärtig.“

Sondern:

„Du bist bei mir.“

Stecken und Stab

David sagt:

„Dein Stecken und dein Stab, die trösten mich.“

Beide gehören zum Bild des Hirten.

Sie stehen für seine wirksame Gegenwart, seine Führung und seinen Schutz.

Das Entscheidende ist nicht, jedem Werkzeug eine starre symbolische Bedeutung zuzuordnen.

Das Entscheidende ist:

Das Schaf ist im Tal nicht schutzlos.

Der Hirte ist da.

Er führt.

Er schützt.

Er greift ein.

Und wenn nötig, korrigiert er den Weg.

Auch Korrektur kann deshalb Teil seiner Fürsorge sein.

Ein Gott, der uns niemals widersprechen würde, wäre kein guter Hirte.

Vom Hirten zum Gastgeber

Ab Vers 5 verändert sich das Bild.

Gott wird nun als Gastgeber beschrieben.

„Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde.“

Die Feinde sind bemerkenswerterweise noch vorhanden.

Doch mitten in ihrer Gegenwart bereitet Gott einen Tisch.

Das bedeutet:

Gottes Güte hängt nicht davon ab, dass sämtliche Gegnerschaft zuerst verschwindet.

Er kann versorgen, während Schwierigkeiten noch vorhanden sind.

Er kann Gemeinschaft schenken, während der Kampf noch nicht vollständig beendet ist.

„Güte und Gnade werden mir folgen“

Am Ende schaut David auf seinen gesamten Weg.

Und jetzt ist nicht mehr das Schaf auf der Suche.

Etwas anderes verfolgt ihn:

Güte und Gnade.

Der Psalm beginnt mit einem Hirten, der führt.

Er geht durch ein Tal.

Er kommt zu einem Tisch.

Und er endet im Haus des HERRN.

Das Ziel des Hirten ist nicht nur, uns durch den heutigen Tag zu bringen.

Er führt uns letztlich zu sich selbst.

Wie zeigt sich Jesus Christus in JHWH Ro‘i?

Im Johannesevangelium nimmt Jesus das Hirtenbild ausdrücklich auf.

Er sagt:

„Ich bin der gute Hirte.“

Und dann erklärt er, was diesen Hirten auszeichnet:

„Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“

Jesus ist kein Hirte, der seine Schafe aus sicherer Entfernung führt.

Er tritt selbst in ihre Gefahr hinein.

Er kommt in unsere Welt.

Er kennt Hunger.

Müdigkeit.

Ablehnung.

Tränen.

Schmerz.

Und schließlich geht der Hirte selbst in das dunkelste Tal.

Gethsemane.

Verrat.

Kreuz.

Tod.

Doch dort endet sein Weg nicht.

Der Hirte ging durch den Tod und kam zurück

Hebräer 13 nennt Jesus:

„den großen Hirten der Schafe“

und spricht zugleich davon, dass Gott ihn aus den Toten heraufgeführt hat.

Das verändert Psalm 23 für Christen grundlegend.

Wenn Jesus sagt:

„Folge mir“,

dann führt uns kein Hirte, der das Tal nur aus der Entfernung kennt.

Er ist selbst hindurchgegangen.

Und er ist auferstanden.

Darum kann selbst der Tod nicht das endgültige Ende seines Schafes sein.

Der gute Hirte kennt den Weg hindurch.

Der Hirte sucht auch das Verlorene

Das Evangelium geht noch weiter.

Wir sind nicht nur Schafe, die gelegentlich Orientierung brauchen.

Die Bibel beschreibt Menschen auch als Schafe, die sich verirrt haben.

Petrus schreibt:

„Denn ihr wart wie Schafe, die in die Irre gehen; jetzt aber habt ihr euch bekehrt zu dem Hirten und Hüter eurer Seelen.“

Unsere tiefste Not besteht deshalb nicht darin, dass wir manchmal einen schlechten Weg wählen.

Sie besteht darin, dass wir uns von Gott entfernt haben.

Doch der gute Hirte kommt zu uns.

Er trägt unsere Schuld am Kreuz.

Er ruft uns zurück.

Und wer zu ihm kommt, findet nicht nur Orientierung.

Er findet Versöhnung mit Gott.

„Meine Schafe hören meine Stimme“

Jesus sagt in Johannes 10:

„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.“

Das bedeutet nicht, dass jeder spontane Gedanke automatisch Gottes Stimme wäre.

Christliche Führung braucht Prüfung.

Gottes Stimme widerspricht nicht seinem offenbarten Wort.

Darum suchen wir Führung durch die Schrift.

Durch Gebet.

Durch Weisheit.

Durch geistlich reife Menschen.

Und manchmal auch durch geduldiges Warten.

Der gute Hirte führt uns nicht in eine mystische Unabhängigkeit von seinem Wort.

Er führt uns immer tiefer in Wahrheit und Gehorsam.

Vielleicht bist du gerade im Tal

Vielleicht klingt „grüne Auen“ heute weit entfernt.

Vielleicht befindest du dich gerade in einem Tal.

Eine Diagnose.

Trauer.

Einsamkeit.

Eine zerbrochene Beziehung.

Eine unsichere Zukunft.

Eine Entscheidung, bei der du keinen Weg siehst.

Psalm 23 verlangt nicht von dir, das Tal schönzureden.

David nennt es dunkel.

Aber er sagt einen Satz, der größer ist als die Dunkelheit:

„Du bist bei mir.“

Vielleicht bekommst du heute nicht die gesamte Karte.

Vielleicht siehst du noch nicht, wo das Tal endet.

Aber du darfst wissen, wer mit dir geht.

Du musst nicht deinen ganzen Weg heute kennen

Ein Schaf folgt dem Hirten nicht, weil es die gesamte Strecke versteht.

Es folgt, weil es den Hirten kennt.

Vielleicht möchtest du heute wissen:

Wie wird es in einem Jahr aussehen?

Wie löst sich dieses Problem?

Welche Tür wird sich öffnen?

Was kommt danach?

Doch manchmal zeigt Gott nicht den ganzen Weg.

Er zeigt den nächsten Schritt.

Glaube braucht nicht immer eine vollständige Karte.

Er braucht einen vertrauenswürdigen Hirten.

Drei Schritte für heute

1. Sprich Psalm 23 persönlich.
Lies den Psalm heute langsam und laut. Bleibe besonders bei den Worten stehen: „Der HERR ist mein Hirte.“ Frage dich nicht zuerst, was du tun musst. Lass dieses Bekenntnis zunächst einfach vor Gott stehen.

2. Benenne dein Tal.
Wo ist dein Weg gerade dunkel oder unübersichtlich? Sprich dort nicht nur über Gott, sondern zu ihm: „Herr, ich sehe den Weg nicht vollständig — aber du bist bei mir.“

3. Frage nach dem nächsten Schritt.
Wo brauchst du gerade Führung? Bitte Gott nicht nur um einen gewünschten Ausgang, sondern um Weisheit für den nächsten gehorsamen Schritt. Prüfe deine Entscheidung an seinem Wort und gehe dann das, was heute klar ist.

GEBET

JHWH Ro‘i, du bist mein Hirte. Ich danke dir, dass du mich kennst und dass ich meinen Weg nicht allein finden muss. Du weißt, wo ich Ruhe brauche, wo ich mich verirrt habe und wo vor mir ein dunkles Tal liegt. Führe mich auf deinen Wegen und gib mir Vertrauen, auch wenn ich den ganzen Weg noch nicht sehe. Korrigiere mich, wo ich meinen eigenen Weg gehe, und stelle wieder her, was erschöpft oder verwundet ist. Herr Jesus, danke, dass du der gute Hirte bist, der sein Leben für die Schafe gegeben hat. Du bist durch Tod und Grab gegangen und auferstanden. Deshalb weiß ich: Auch das dunkelste Tal hat nicht das letzte Wort. Hilf mir, heute deine Stimme in deinem Wort zu hören und dir den nächsten Schritt zu folgen. Du bist mein Hirte, und ich gehöre dir. In Jesu Namen, Amen.

„Wo versuchst du gerade, deinen Weg selbst zu überblicken — und was würde sich verändern, wenn du nicht die ganze Strecke kennen müsstest, sondern dem guten Hirten nur den nächsten Schritt folgst?“

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