
Diakon Artemio
7. Mai 2026
„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar und erstaunlich gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele sehr wohl." — Psalm 139,14 (Schlachter 2000)
Psalm 139,14
Du bist kein Zufall. Du bist kein Fehler. Du bist kein Nebenprodukt von Umständen, die außer Kontrolle gerieten. Du bist das Ergebnis eines bewussten, liebevollen, schöpferischen Aktes Gottes — der dich vor aller Zeit kannte, der dich im Verborgenen formte und der bis heute weiß, wie viele Haare auf deinem Kopf sind. Psalm 139 ist nicht eine fromme Übertreibung. Er ist die präziseste Beschreibung deiner Herkunft, die es gibt: Du wurdest von Gott gemacht. Wunderbar. Erstaunlich. Mit Absicht.
In einer Welt, die dir täglich sagt, was du nicht bist — nicht schön genug, nicht klug genug, nicht erfolgreich genug — ist dieser Vers eine Revolution. Nicht weil er alle Unsicherheiten wegzaubert. Sondern weil er die Frage „Wer bin ich?" bei der richtigen Instanz beantwortet: nicht bei den Menschen, nicht bei den sozialen Medien, nicht bei deiner Vergangenheit — sondern bei dem, der dich gemacht hat.
Michelangelo war einer der größten Künstler der Renaissance — und einer der selbstkritischsten. Er arbeitete vier Jahre an der Sixtinischen Kapelle, oft allein, oft liegend auf dem Gerüst, Farbe tropfte auf sein Gesicht. Er zweifelte ständig. Er zerstörte Entwürfe. Er begann von vorn.
Es gibt eine Überlieferung — ob historisch verbürgt oder nicht, theologisch wahr — dass ein Besucher ihn fragte, wie er aus einem rohen Marmorblock eine so vollendete Skulptur schaffen könne. Michelangelo soll geantwortet haben: „Der Engel ist schon im Marmor. Ich haue nur alles weg, was ihn verbirgt."
Gott arbeitet anders als Michelangelo — er erschafft nicht aus vorhandenem Material. Er erschafft aus dem Nichts. Aber das Prinzip ist dasselbe: Er sieht in dir, was du in dir selbst noch nicht siehst. Er kennt das vollendete Werk — während du noch den rohen Stein siehst. Er weiß, was er in dir angelegt hat — lange bevor du es entdeckst.
David schrieb Psalm 139 als Mann, der Kriege erlebt hatte, der gesündigt hatte, der tief gefallen und wieder aufgestanden war. Er schrieb ihn nicht als naiver junger Mann — sondern als einer, der am Ende seines Lebens zurückblickte und erkannte: Gott hat mich von Anfang an gesehen. Wunderbar gemacht. Mit Absicht. Trotz allem.
Psalm 139 ist einer der persönlichsten Psalmen der gesamten Heiligen Schrift. David beschreibt Gottes allumfassendes Wissen: Gott kennt sein Aufstehen und sein Niederliegen (V.2), seine Gedanken von fern (V.2), seinen Weg und sein Lager (V.3). Er kann Gottes Gegenwart nirgends entfliehen — nicht im Himmel, nicht in der Tiefe, nicht am Ende des Meeres (V.8-9).
Das hebräische Wort für „wunderbar gemacht" ist niflaiti — von pala, was bedeutet: außerordentlich sein, wunderbar sein, sich als zu schwer erweisen für menschliches Begreifen. Dasselbe Wort wird im Alten Testament für Gottes Wunder verwendet — für die Spaltung des Roten Meeres, für das Manna in der Wüste, für die unbegreiflichen Taten Gottes in der Geschichte. David sagt: Gott hat mich mit derselben Sorgfalt gemacht wie seine größten Wunder. Ich bin sein Werk.
Das zweite Schlüsselwort ist yare — „erstaunlich". Es ist das Wort der Ehrfurcht, des heiligen Staunens. David staunt über sich selbst — nicht aus Arroganz, sondern weil er Gottes Handwerk in sich entdeckt. Das ist der Unterschied zwischen Selbstliebe und Gottesebenbildlichkeit: Ich staune nicht über mich — ich staune über den, der mich gemacht hat.
Wie zeigt sich Jesus Christus in diesem Vers? Er ist der, durch den alles gemacht wurde. Johannes 1,3 (SLT) sagt: „Alles ist durch ihn entstanden, und ohne ihn ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist." Wenn du dich fragst, ob du wirklich mit Absicht gemacht wurdest — schau auf Christus. Er kam in diese Welt, weil du ihm wichtig genug warst. Er starb am Kreuz, weil du ihm wichtig genug warst. Er ist auferstanden, weil er dich für die Ewigkeit will. Das ist die stärkste Aussage über deinen Wert, die je gemacht wurde.
1. Benenne eine Eigenschaft, die du an dir selbst ablehnst — und frage Gott, was er darin sieht. Es gibt in jedem Menschen Bereiche, die er an sich selbst nicht mag — eine Schwäche, eine Eigenart, eine Begrenztheit. Wähle heute einen dieser Bereiche und bete konkret: „Herr, ich sehe das als Fehler. Was siehst du darin?" Du wirst vielleicht überrascht sein, was Gott aus dem macht, was du als Mangel betrachtest.
2. Erinnere dich: Dein Wert wird nicht gemessen — er wurde geschenkt. In unserer Leistungsgesellschaft wird alles bewertet: Follower-Zahlen, Gehalt, Produktivität, Äußeres. Gott bewertet nicht — er erschafft. Und was er erschafft, nennt er gut. Nimm dir heute bewusst eine Auszeit von Vergleichen. Einen Tag, an dem du nicht misst, ob du gut genug bist — weil Gott das bereits entschieden hat: du bist sein Werk. Wunderbar. Erstaunlich.
3. Sprich Psalm 139,14 heute laut über dich aus — als Gebet, nicht als Übung. Nicht als Affirmation im psychologischen Sinne — als Glaubensaussage. „Ich bin wunderbar und erstaunlich gemacht — von dir, Herr." Sag es laut. Lass es in deinen Ohren klingen. Der Glaube kommt vom Hören — auch wenn das eigene Stimme ist, die Gottes Wahrheit ausspricht.
GEBET
Herr, ich bekenne, dass ich mich oft durch die Augen anderer sehe — und dabei vergesse, dass du derjenige bist, der mich gemacht hat. Heute entscheide ich mich, mich durch deine Augen zu sehen: wunderbar und erstaunlich gemacht, dein Werk, mit Absicht in diese Welt gesetzt. Hilf mir, das nicht nur zu wissen — sondern zu glauben. Tief genug, dass es verändert, wie ich über mich denke, wie ich mit mir umgehe, wie ich in die Welt gehe. Du hast mich nicht zufällig gemacht. Lass mich das heute leben. In Jesu Namen, Amen.
„In welchem Bereich deines Lebens fällt es dir am schwersten zu glauben, dass Gott dich wunderbar und erstaunlich gemacht hat — und was würde es konkret verändern, wenn du es tätest?"
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