
Diakon Artemio
13. Juli 2026
„Und lasst uns aufeinander achtgeben, damit wir uns gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unsere eigene Versammlung nicht verlassen, wie es einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr den Tag herannahen seht!" — Hebräer 10,24-25 (Schlachter 2000)
Hebräer 10,24-25
Ein Wort der Ermutigung kann einen Menschen am Leben halten. Das ist keine Übertreibung — es ist eine Erfahrung, die unzählige Menschen bezeugen können: In der dunkelsten Stunde kam jemand, sagte einen Satz, schrieb eine Nachricht, legte eine Hand auf die Schulter — und dieser Moment wurde zum Wendepunkt. Hebräer 10,24-25 macht aus dieser Erfahrung einen Auftrag: Gebt aufeinander acht. Spornt euch gegenseitig an. Verlasst die Gemeinschaft nicht. Denn ein Christ, der allein bleibt, ist wie eine Kohle, die aus dem Feuer genommen wird — sie glüht noch eine Weile, und dann erlischt sie. Nicht weil das Feuer schlecht war. Sondern weil Glut Gemeinschaft braucht, um zu brennen.
Bemerkenswert ist die Richtung dieses Verses: Er sagt nicht „Geht in die Versammlung, damit ihr etwas bekommt." Er sagt: Gebt acht aufeinander — damit ihr etwas gebt. Der Grund für die Gemeinschaft ist nicht nur mein eigener Segen — es ist der Bruder, die Schwester, die mein ermutigendes Wort braucht. Vielleicht sitzt neben dir am Sonntag jemand, der die Woche kaum überstanden hat — und dein Gruß, deine Frage, dein Zuhören ist der Grund, warum Gott dich genau dorthin gestellt hat.
Es gab in der ersten Gemeinde einen Mann namens Josef, ein Levit aus Zypern. Aber kaum jemand kannte ihn unter diesem Namen. Die Apostel gaben ihm einen Beinamen, der sein ganzes Wesen beschrieb: Barnabas — „übersetzt heißt das: Sohn des Trostes" (Apostelgeschichte 4,36 SLT). Sohn der Ermutigung. Ein Mann, dessen Gegenwart Menschen aufrichtete.
Und Barnabas trug diesen Namen zu Recht — an den entscheidenden Wendepunkten der Kirchengeschichte. Als Saulus von Tarsus — der ehemalige Verfolger — sich der Gemeinde in Jerusalem anschließen wollte, hatten alle Angst vor ihm. Niemand glaubte seiner Bekehrung. Ein einziger Mann stellte sich neben ihn: „Barnabas aber nahm ihn auf, führte ihn zu den Aposteln" (Apostelgeschichte 9,27 SLT). Ohne Barnabas — menschlich gesprochen — kein Apostel Paulus. Kein Römerbrief. Keine Missionsreisen. Ein Mann der Ermutigung öffnete die Tür für den größten Missionar der Geschichte.
Und Jahre später tat Barnabas es wieder: Als Johannes Markus auf der ersten Missionsreise versagt hatte und umgekehrt war, wollte Paulus ihn nicht mehr mitnehmen. Barnabas aber gab dem Gescheiterten eine zweite Chance — er nahm Markus mit sich (Apostelgeschichte 15,39). Dieser Markus schrieb später das Markusevangelium. Und Paulus selbst schrieb am Ende seines Lebens: „Bringe Markus mit; denn er ist mir sehr nützlich zum Dienst" (2. Timotheus 4,11 SLT).
Zwei Männer, die die Kirchengeschichte prägten — beide gerettet durch die Ermutigung eines Einzigen. Das ist die Kraft von Hebräer 10,24: Ein Ermutiger verändert nicht nur einen Moment. Er verändert Geschichte.
Hebräer 10,24-25 steht in einem Abschnitt über das Festhalten am Bekenntnis. Die Empfänger des Briefes standen unter Druck — Verfolgung, Erschöpfung, die Versuchung aufzugeben. Und der Autor nennt drei „Lasst uns"- Aufrufe: Lasst uns hinzutreten (V.22), lasst uns festhalten (V.23), lasst uns aufeinander achtgeben (V.24). Das Festhalten am Glauben ist keine Einzelleistung — es ist ein Gemeinschaftsprojekt.
Das griechische Wort für „anspornen" ist paroxysmon — ein erstaunlich starkes Wort. Es bedeutet wörtlich: Anreizung, Anstachelung, sogar Provokation. Unser Fremdwort „Paroxysmus" — ein heftiger Anfall — stammt davon. Der Autor sagt also: Provoziert euch gegenseitig — zur Liebe! Reizt einander an — zu guten Werken! Ermutigung ist nicht sanftes Schulterklopfen — sie ist ein kraftvoller Impuls, der den anderen in Bewegung setzt.
Das zweite Schlüsselwort ist parakalountes — „ermahnen, ermutigen, trösten" — dasselbe Wortfeld wie paraklētos, der Name des Heiligen Geistes als Beistand. Wenn du einen Menschen ermutigst, tust du das, was der Heilige Geist tut: Du trittst neben ihn, du stärkst ihn, du richtest ihn auf. Ermutigung ist Mitarbeit am Werk des Geistes.
Wie zeigt sich Jesus Christus in diesem Vers? Er ist der große Ermutiger. Zu Petrus, der versagen würde, sagte er: „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre" (Lukas 22,32 SLT). Zu den erschöpften Jüngern: „In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!" (Johannes 16,33 SLT). Am Kreuz ermutigte er noch den Verbrecher neben sich: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein!" (Lukas 23,43 SLT). Und der Auferstandene sprach als erstes Wort zu den verängstigten Jüngern: „Friede sei mit euch!" Wer Christus kennt, kennt die Quelle aller Ermutigung — und ist berufen, sie weiterzugeben.
1. Sende heute eine konkrete Ermutigung — an einen konkreten Menschen. Nicht allgemein, nicht irgendwann — heute. Eine Nachricht, ein Anruf, ein handgeschriebener Satz: „Ich habe an dich gedacht. Ich sehe, wie treu du bist. Gott gebraucht dich." Du weißt nicht, in welcher inneren Verfassung dieser Mensch gerade ist — aber Gott weiß es. Vielleicht ist dein Wort heute die Kohle, die seine erlöschende Glut neu entfacht.
2. Gib acht — bevor du sprichst. Hebräer 10,24 beginnt nicht mit Reden, sondern mit Achtgeben: „Lasst uns aufeinander achtgeben." Ermutigung beginnt mit Wahrnehmung. Wer in deiner Gemeinde ist stiller geworden? Wer fehlt in letzter Zeit? Wer trägt etwas, das er nicht ausspricht? Nimm dir diese Woche vor, einen Menschen wirklich wahrzunehmen — und dann zu handeln.
3. Bleib in der Gemeinschaft — gerade dann, wenn du keine Lust hast. „Indem wir unsere eigene Versammlung nicht verlassen" — dieser Satz gilt besonders für die Zeiten, in denen der Rückzug verlockend ist. Gerade wenn du müde bist, enttäuscht bist, dich fremd fühlst: Geh hin. Nicht nur für dich — für den, der dein Dasein braucht. Deine Gegenwart ist Ermutigung, noch bevor du ein Wort sagst.
GEBET
Herr, ich bekenne, dass ich oft mit mir selbst beschäftigt bin — und dabei übersehe, wer neben mir gerade am Erlöschen ist. Heute bitte ich dich: Öffne meine Augen für den Menschen, der ein Wort der Ermutigung braucht. Gib mir den Mut des Barnabas — mich neben den zu stellen, dem niemand sonst vertraut, und dem Gescheiterten eine zweite Chance zu geben. Du bist der Gott allen Trostes — lass mich ein Kanal deines Trostes sein. Und wo meine eigene Glut schwach geworden ist, führe mich zurück in die Gemeinschaft, wo dein Feuer brennt. In Jesu Namen, Amen.
„Wessen Glut in deinem Umfeld ist gerade am Erlöschen — und welches konkrete Wort der Ermutigung könntest du diesem Menschen noch heute weitergeben?"
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